Niemand will wissen, wo Süden ist.

Interview mit der Autorin, erschienen in Theaterheute , 06/2006:

Biljana Srbljanovic über ihr neues Stück "Heuschrecken", über Serbien nach dem Mord an Djindjic und dem Tod Milosevics, über Geschichte, Generationen und eine offene Zukunft.

Franz Wille: "Heuschrecken", Ihr neuestes Stück, kann man als Fortsetzung der "Belgrader Trilogie" und "Familiengeschichten. Belgrad", den Serbien-Stücken von Mitte und Ende der neunziger Jahre, lesen. Seitdem ist viel geschehen. Milosevic ist tot, die EU wächst und wächst, Serbien ist ein - na, fast demokratischer Staat. Alles hat sich bestens entwickelt?

Biljana Srbljanovic: Nichts ist gut. Natürlich wächst die EU, aber der Abstand zwischen den alten westlichen Kernländern und den osteuropäischen Staaten ist und bleibt riesig. Das Problem dieser Länder ist entweder der Nationalismus oder die Korruption oder beides. Es gibt keine wirksame Handhabe dagegen. Und wenn wir beides eines Tages wiklich in den Griff bekommen, was erwartet uns dann? Ein neoliberaler Kapitalismus? Für Serbien im Besonderen liegt ein EU-Beitritt in sehr weiter Ferne. Und wie wird die EU in zehn Jahren überhaupt aussehen? Es ist ein Hindernisrennen mit sehr offenem Ende.

FW: Wenn Sie zurückdenken an der Herbst 2000, als Milosevic abgelöst wurde - haben Sie diese Entwicklung erwartet, gab es andere, größere Hoffnungen?

Srbljanovic: Ich schäme mich so, wenn ich daran zurückdenke. Entweder war ich so dumm oder zurückgeblieben, oder wir alle waren so naiv. Zwischen damals und heute ist etwas schiefgegangen, und wahrscheinlich habe ich einfach den Moment nicht mitbekommen. Natürlich hat auch die Ermordung von Djindjic das Land verändert, es war eine deutliche Wende zurück.

FW: Wenn Djindjic heute noch leben würde, hätte er die Kraft und die Möglichkeit, die Verhältnisse wirklich zu verbessern?

Srbljanovic: Schwer zu sagen. Feststeht: Die Leute, die für seinen Tod verantwortlich sind, sind immer noch in ihren Positionen. Es gab keinen Wechsel. Ein schönes Beispiel war das Begräbnis von Milosevic neulich. Es wurde live im Fernsehen übertragen mit demselben Pomp wie die Beerdigung von Djindjic, und der Journalist, der Milosevic auf seinen letzten Metern begleitet hat, war derselbe, der von Djindjics Staatsbegräbnis berichtet hat. Das macht einen fertig. Verdienen wir das? Im Oktober 2000 waren wir alle sehr optimistisch, zu optimistisch. Tatsächlich hat sich seitdem auch vieles verändert, andererseits folgte der direkte Absturz in die Korruption.

System der Abhängigkeit

FW: Schlimmer als vorher?

Srbljanovic: Vielleicht nicht faktisch schlimmer, aber wenn die Leute, denen man vertraut hat, dann dasselbe tun wie die, gegen die man zehn Jahre angekämpft hat, ist es schon schlimmer.

FW: Was müsste geschehen?

Srbljanovic: Im Moment wären rechtsstaatliche Institutionen am wichtigsten. Man kann im Augenblick die Leute, die Djindjic ermordet haben, nicht einmal vor Gericht bringen. Sie sitzen seit drei Jahren im Gefängnis und kein Prozess in Sicht. Oder all die Kriegsverbrecher. Sie verstecken sich nicht einmal wirklich. Die Justiz funktioniert einfach nicht.

FW: Was müsste geschehen?

Srbljanovic: Kosturica ist ein alter Demagoge, der seine Karriere auf Antikommunismus gestützt hat. Und er baut auf einen Staat mit starken totalitären Zügen ohne funktionierende Gewaltenteilung, in dem alle politischen Entscheidungen ausschließlich Personalentscheidungen sind. Es sind alte Kaderstukturen, in denen nur interessiert, welche Person welchen Job bekommt, damit sie darin loyal funktioniert. In diesem System sind alle abhängig.

FW: Wenn man Ihr Stück liest, scheint es gar nicht so weit entfernt von Westeuropa. Die Leute haben alte, pflegebedürftige Eltern und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, sie haben keine Kinder, und wenn doch, dann ein kleines Monster oder ein Ehe-Erpressungs-Baby. Karrieren funktionieren über Verbindungen, hier nennt man das Netzwerke. Scheint alles sehr vertraut.

Srbljanovic: Wir sind auch nichts Besonderes, was die alltäglichen Probleme angeht. Habe ich nie behauptet. Wir sind vielleicht ein bisschen brutaler im Umgang zwischen den Generationen. Das ist auch ein Erbe des Kommunismus: Es gibt keine Zukunft, man muss für sich allein kämpfen. Man lebt nur in dem Moment, und wenn ich ihn nicht ergreife, habe ich ihn eben verpasst. Die alten Leute in Serbien sind auch aus anderen Gründen die ärmsten. Die Kriege der neunziger Jahre hat Milosevic mit den Pensionsfonds finanziert, entsprchend niedrig sind die Renten heute. Man sieht viele alte Leute, die in Begrad die Mülltonnen durchsuchen. Und wer doch etwas hat, hält es fest. Die Menschen sind manisch mit sich selbst beschäftigt, sie denken nicht an die Zukunft oder die Kinder. Man muss bedenken: Jede zweite Generation in Serbien hat einen Krieg erlebt. Also denkt man nicht daran, etwas zu hinterlassen, sondern verbraucht, was man hat, für sich. Und lebt schnell. Deshalb sehen auch 14-jährige Mädchen auf der Staße aus wie Prostituierte, nur ohne Sex. Denn selbst wenn man Arbeit bekommt, wird man nicht genug für ein anständiges Leben verdienen. Also laufen sie herum mit big boobies und aufgespritzten Lippen, bereit für den turbokapitalistischen Mann, der kommt und sie da rausholt. Gleichzeitig gibt es 15-jährige Jungs, die schon jemanden umgebracht haben. Kleine Jungs eigentlich, mit ganz alten Gesichtern. Das ist nun nichts besonders Serbisches, das haben alle postkommunistischen Gesellschaften gemeinsam. Es liegt nicht in der kommunistischen Kultur, Traditionen zu pflegen.

FW: Wieso das? Der neue Mensch musste seine bürgerliche Herkunft ausrotten?

Deine Feinde, die Eltern

Srbljanovic: Natürlich. Im Exjugoslawien der Nachkriegszeit etwa konnte man die größten Probleme bekommen, wenn man etwas erben sollte. Das wurde sofort eingezogen, man war sofort schuldig. In den achtziger Jahren dann hat Milosevic die öffentlichen Wohnungsbestände billig privatisiert, um sozialen Frieden zu erkaufen. Mein Vater zum Beispiel hat seine 80-Quadratmeter-Wohnung für vielleicht umgerechnet 1000 Mark Mitte der Achtziger gekauft. Sie haben das alle gemacht, damit waren aber auch die Wohnungen weg. Die Generation, die gerade dran war, hat alles übernommen. Nun hat er aber zwei Töchter und nur eine Wohnung! Es gibt die vielen alten Leute, die auf ihren kleinen Reichtümern sitzen und die wissen, wenn sie sie aufgeben, ist es ihr Ende. So leben dann die verschiedenen Generationen eng aufeinander, wie in der alten Sowjetunion. Das ist kein soziales Problem, sondern ein psychologisches: Deine Eltern werden deine Feinde. Entweder sie oder du. Und im nächsten Moment fühlt man sich natürlich schuldig. Das ist die Atmosphäre.

FW: Und wie stehts mit Kindern? Nur Dada ist Mutter und bekommt im Stück nach zehn Jahren noch ein Baby mit ihrem ungeliebten Mann.

Srbljanovic: In den Neunzigern musste man ziemlich dumm sein, um Kinder zu bekommen. Es gab einen Krieg nach dem anderen, eine Freundin von mir ist entbunden worden in der Nacht, als das Gebäude neben dem Krankenhaus bombardiert wurde, das Kind kam im Bunker zur Welt. Es bekam Krebs mit zwei Jahren, die Ärzte sagen, wegen der urangehärteten Munition der Bomben. Natürlich ist das ein Einzelfall, aber jeder Fall ist schließlich ein Einzelfall. Entweder war man blöd oder mutig, oder man hat nicht viel darüber nachgedacht. Das Verlangen, sich in die Zkunft zu verlängern, war jedenfalls nicht sehr ausgeprägt; die Frauen meiner Generation haben nicht so oft Kinder. Eine einzige meiner Feundinnen ist Mutter, und ich habe wirklich viele Feundinnen. Als im Jahr 2000 die unmittelbare Gefahr gebannt war, fing das andere Rennen an: um einen Job, einen Kredit, ein Appartement. Da stören Kinder nur. Und jetzt sind wir Mitte dreißig und eigentlich zu alt. Wir sind, was das angeht, eine verlorene Generation.

FW: Und die schöne, dumme Dada?

Srbljanovic: Ja, Dada. Sie müsste sich eigentich das Gehirn rausoperieren lassen, um mit einem Mann zusammenleben zu können, der von der Polizei "pensioniert" ist, weil das zwangsläufig bedeutet, dass er Zivilisten umgebracht hat. Niemand erwähnt es, man verachtet ihn stumm, niemand redet drüber, und man ist mit diesem Typ zusammen und hat ein Kind. Sie ist gefesselt.

FW: Warum verlässt sie ihn nicht?

Srbljanovic: Es gibt so viele, die schwere Verbrechen begangen haben, aber man redet nicht drüber, es ist halt so. Sie führen normale Familienleben. Wenn du weißt, dass dein Nachbar '99 "im Süden" - man weiß nicht so genau, wo - bei der Polizei war, dann muss er einfach Leute umgebracht haben. Darüber deckt sich ein einziger Konspirationszusammenhang. Man weiß lieber nicht, wo der Süden ist. Deshalb können wir auch die Kriegsverbrecher nicht ausliefern. Wir haben diese Leben nicht gelebt, wir wollten Srebrenica nicht zur Kenntnis nehmen. Es war nur 300 Kilometer von Belgrad entfernt, und wir wollten alle nichts davon wissen. Und wenn man jetzt zehn Jahre später sagen würde, liefern wir die doch aus, dann bräche das ganze Lügengebäude zusammen. Man will besser nicht wissen, wo der Süden ist. Man hat seine Wohnung, sein Ato und lebt sein Leben. Und wenn man wieder aufwacht, ist das Leben vorbei. Das Dazwischen hat man verpasst. Was haben wir falsch gemacht? Wo hat das alles angefangen? Es ist der Aptraum einer ganzen Generation.

FW: Was it mit dem Nationalismus? Wo sind die Energien hin?

Srbljanovic: Sie sind nach wie vor da, aber unsichtbar. Wir leben damit wie mit einer Krankheit, wie mit einer Allergie, manchmal tropft die Nase. Aber wir reden nicht groß darüber, weil man gegen Allergien eh nichts machen kann. In der Generation meiner Eltern war man entweder Kommunist oder Nationalist oder beides. Nehmen wir Simic aus dem Stück: Er war Kommunist vor dem zweiten Weltkrieg, also in den Dreißigern, und als die Kommunisten an die Macht kamen, hat er sich zum Nationalisten gewandelt, Karriere hat er damit nie gemacht, die Serbische Akademie für Kunst und Wissenschaft ist ihm immer verschlossen geblieben. Dabei ist sie die nationalistischste Institution, die man sich nur vorstellen kann. Man muss sie sich ansehen: die grauen Gesichter, die mächtigsten Leute im Land, aber auch hier herrscht totaler Gedächtnisverlust. Die Akademie hat je ein nationalistisches Dokument verfasst? Natürlich nicht. Niemals. Aber sie haben es natürlich getan mit allem Pomp und Pathos, zu dem sie fähig sind. Simics alter Freund Ignjatovic dagegen war ein erfolgreicher Kommunist, der rechtzeitg den Absprung geschafft hat: Er hatte Erfolg und eine schöne große Wohnung.

Karussel der Macht

FW: Moment, das verstehe ich nicht. Wo verlaufen genau die labyrinthischen Gräben in den historischen Farcen der serbischen Nachkriegsgeschichte?

Srbljanovic: Die Geschichte geht so: In den dreißiger Jahren und Anfang der vierziger des letzten Jahrunderts, also vor dem 2. Weltkrieg und während des Spanischen Bürgerkriegs, haben sich viele junge Studenten in Serbien der Kommunistischen Partei angeschlossen und, wenn sie alt genug waren, als Freiwillige gegen den Faschismus gekämpft. Simic muss man sich vorstellen als jemand, der wie viele damals an die Ideale des Sozialismus geglaubt hat, zu einer Zeit, als es gefährlich war und nicht lukrativ. Er kommt aus einer "guten Familie", die etwas besaß - eine Wohnung in Belgrad vor dem Krieg, das war etwas! -, und kämpfte für seine Idee. Dann muss man wissen, dass Jugoslawien zu Beginn des Weltkriegs ein Königreich war, wir hatten einen Beistandspakt mir den Deutschen. Die Kommunisten haben dann geputscht und schließlich war Serbien der einzige Balkan-Staat, der gegen Hitler-Deutschland gekämpft hat. Das ist der Moment, als die Ignjatovics der Kommunistischen Partei beigetreten sind, als sie auf der Gewinner-Seite war. Ignjatovic hat dann Parteikarriere gemacht, und diese Leute waren bekannt für ihre grausamen Vebrechen, besonders gegen Ende des Kriegs, als es um die Beschlagnahmung des Eigentums von "Staatsfeinden" ging, also die Wohnungen und Häuser von Familien wie denen von Simic.

FW: Das war der Moment, als Simic die Partei verließ, enttäuscht von der "Idee"?

Srbljanovic: Ganz genau. In den frühen Siebzigern dann wurden die Nationalisten sehr stark in Serbien und Kroatien; zu der Zeit wurden viele Mitglieder wegen "nationalistischer Umtriebe" aus der Partei ausgeschlossen. Darunter gab es wieder viele Ignjatovics, die in den siebziger Jahren für ihre Veröffentlichungen als "Dissidenten" im Gefängnis saßen, aber nie für ihre Verbrechen als junger Kader-Kommunist.

FW: Also Simic hat nie Karriere gemacht, und Ignjatovic wurde als erfolgreicher Apparatschik geschasst...

Srbljanovic: ...ja, er hat mit den Kommunisten Karriere gemacht, als sie stark waren, und er hatte die Seiten gewechelt zu jenen, die bald die Macht bekommen sollten. Die Kommunisten habe ihn zu einer Gefahr erkärt; damit haben sie ihm eine fast mystische Position unter den Antikommunisten geschaffen. Ignjatovic ähnelt stark Dobrica Cosic, dem "Vater" des serbische Nationalismus. Und dann war die Serbische Akademie für Kunst und Wissenschaft natürlich einer der stärksten Förderer von Milosevic und seinen Kriegen in den Neunzigern - Stichwort "Großserbien" -, und sie ist es noch.

FW: Also Simic, der alte Idealist, stand sein Leben lang auf der Seite der Verlierer, und Ignatovic hat sich immer nach der Macht bewegt und gewonnen.

Srbljanovic: Klingt schecklich kompliziert, ich weiß. Und Nadezdas Großmutter, die im Krieg von den Kommunisten, den Partisanen, zu den Tschetniks geflohen ist und zurück und von allen gefickt wurde: Das Serbien im 20. Jahrhundert. Man war Kommunist oder Nationalist oder beides. Nadezda wiederum kümmert sich nur um ihre Liebesgeschichten. Die Mutter ein Tschetnik-Bastard und die Grpßmutter die Geliebte eines kommunistischen Generals. Das ist es. Um diese Leute geht es. Man muss das in Serbien niemandem erklären, das weiß man.